Erste Hilfe in der häuslichen Pflege

Was Angehörige im Notfall im Kopf haben sollten

Ein Sturz beim Aufstehen vom Sessel, ein plötzlicher Schwächeanfall in der Küche, ein Verschlucken beim Mittagessen – in der häuslichen Pflege kann das jederzeit passieren, oft unverhofft und meistens ohne dass ein Fachmann zur Stelle ist. Für Angehörige beginnt dann die schwerste Stunde, wenn es nun darauf ankommt, schnell, besonnen und richtig zu handeln. Wir haben mit erfahrenen Pflegekräften und Ausbilderinnen der ambulanten Versorgung gesprochen, welche Sofortmaßnahmen im Notfall darauf ankommen, welche Fehler häufig geschehen und warum Grundwissen in der Pflege entscheidend ist.

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Warum Angehörige oft die erste Hilfe leisten müssen

Laut dem Statistischen Bundesamt werden in Deutschland noch immer etwa vier Fünftel aller Pflegebedürftigen zu Hause versorgt, und zwar zu einem erheblichen Teil ausschließlich durch Angehörige. Das heißt, dass diese  im Notfall die ersten sind, die ran müssen, bevor ein Rettungsdienst eintrifft. Studien zeigen, dass sich viele pflegende Angehörige in medizinischen Ausnahmesituationen unsicher fühlen und angeben, zu wenig vorbereitende Schulung erhalten zu haben.

Die Unsicherheit ist verständlich, denn typische Notfälle in der häuslichen Pflege sind in mehreren Punkten von den gewohnten Erste-Hilfe-Notfällen verschieden. Die Patienten sind älter, haben meist mehrere Krankheiten gleichzeitig und nehmen oft mehrere Medikamente ein. Symptome überlagern sich, Reaktionen fallen anders aus und einfache Handgriffe, z. B. das Umlagern, setzen Wissen um die Vorgeschichte jedes einzelnen voraus.

Genau hier setzen systematische Qualifizierungswege an. Wer sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, z. B. als Quereinsteigerin oder um professionelle Aufgaben in der Betreuung zu übernehmen, findet in einer Pflegehelfer Ausbildung ein klar geregeltes Angebot. Dort werden Grundlagen der Anatomie, Hygieneregeln, das Anlegen einer rechtssicheren Dokumentation sowie das Erkennen und richtig Einordnen von Notfällen vermittelt. Auch für Angehörige, die diesen Wissensrahmen nicht zur beruflichen Qualifizierung, sondern nur zu ihrer eigenen Orientierung nutzen, können darin Hinweise enthalten sein, welche Fähigkeiten in der Praxis wirklich gefragt sind.

Sturz, Kreislauf, Verschlucken: Das sind die häufigsten Notfälle im Alltag

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Nach Auskunft der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gehören Stürze zu den häufigsten Unfallursachen bei älteren Menschen. Jede dritte Person über 65 stürzt mindestens einmal im Jahr, in Pflegeheimen liegt die Quote noch sehr viel höher. Kommt es zum Sturz, ist die Faustregel: Nicht gleich aufrichten! Zunächst prüfen, ob der Gestürzte ansprechbar ist, ob Schmerzen fühlen kann, ob die Beine sich bewegen lassen, ob Außenwunden sichtbar sind. Bei Verdacht auf einen Oberschenchenhalsbruch, der durch eine nach außen verdrehte und verkürzte Beinstellung angezeigt ist, muss der Rettungsdienst verständigt werden. Kreislaufprobleme zeigen sich bei älteren Menschen anders als bei jungen. Statt zu kollabieren, werden sie oft verwirrt, plötzlich müde, blass oder unsicher auf den Beinen. Hier hilft: Betroffene hingesetzt oder hingelegt, Beine hoch und den Puls kontrolliert. Auf keinen Fall etwas zu trinken geben, solange die Person noch nicht wach und schluckfähig ist.

Ein nicht zu unterschätzendes Risiko ist das Verschlucken. Schluckstörungen (Dysphagie) können nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie bis zu 50 Prozent der Pflegeheimbewohner betreffen, zunehmend auch der zu Hause Versorgten. Verschluckt sich jemand, heißt es: zum Husten auffordern, Oberkörper nach vorne beugen, wenn keine Reaktion erfolgt bis zu fünf kräftige Schläge zwischen die Schulterblätter geben. Hilft das nicht, folgt nach dem Heimlich-Manöver.

Was man sich vorher durchdenken sollte

Ein Notfall verläuft immer dann weniger chaotisch, wenn sein Rahmen vorher durchdacht worden ist.

Pflegeexperten raten, sich folgende Dinge bereit zu halten:

  • Eine Liste der Medikamente, die der oder die Pflegebedürftige einnimmt, mit Dosierung und Einnahmezeitpunkten
  • Die Telefonnummern des Hausarztes, des Pflegedienstes und der Apotheke
  • Die Pflegegradeinstufung und relevante Diagnosen
  • Falls vorhanden, eine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht
  • Den Notfallausweis der pflegebedürftigen Person

 

All diese Unterlagen sollten an einem festen Ort aufbewahrt werden, am besten in einer beschrifteten Mappe in der Nähe des Telefons. Bei Einsätzen weisen Rettungskräfte immer wieder darauf hin, daß gut vorbereitete Haushalte die Erstversorgung ungemein beschleunigen. Ein Zettel mit genauer Adresse und der Hinweis auf die Etage neben dem Telefon kann dem eigenen Denken in Stressmomenten auf die Sprünge helfen, wenn es einmal hakt.

Grenzen der Laienhilfe erkennen

Grundsätzliches Wissen ist kein Ersatz für Fachversorgung. Die Angehörigen haben genug organisatorische, körperliche und seelische Last zu tragen. Studien der Universität Bremen belegen, dass pflegende Angehörige ein erheblich höheres Risiko für depressive Symptome, Schlafstörungen und chronische Rückenbeschwerden haben. Wer regelmäßig medizinische Handgriffe wie Wundversorgung, Spritzen geben, Katheterwechsel vornehmen muss, sollte sich deshalb mithilfe eines ambulanten Pflegedienstes helfen lassen oder sich gezielt fort- und weiterbilden.

Die Aufgabenverteilung zwischen Angehörigen, Pflegehelferinnen und examinierten Pflegekräften ist rechtlich geregelt. Behandlungspflegerische Tätigkeiten, also solche, die darüber hinausgehen, dürfen nur von Pflegefachpersonal verrichtet werden. Wer als Angehörige/r in diesen Bereich einwächst, sollte sich rechtzeitig kundig machen, welche Handlungen zulässig sind, welche delegiert werden dürfen und wo die eigene Verantwortung endet.

Notruf 112 – Was den Rettungsdienst im Notfall wissen muß

Ruft man 112 an, hängt es nur von der Qualität der Informationen ab, wie schnell und zielgenau Hilfe kommt. Zuerst immer Standort (Etage, Weg dorthin), dann Zustand der Person (Bewusstsein, Atmung, offene Wunden, bekannte Vorerkrankungen, falls vorhanden). Zum Schluss noch einmal: Die Leitstelle beendet das Gespräch, nicht die anrufende Person. Wer regelmäßig pflegt, kann sich diese Abläufe auf ein Zettelchen schreiben und mit den anderen Angehörigen abstimmen, damit im Notfall nichts verschenkt wird.

Die eigene Erfahrung zum Beruf machen

Immer mehr Menschen entdecken in der Pflege eines Angehörigen ein neues berufliches Interesse. Sie stellen fest, dass ihnen der Umgang mit alten oder kranken Menschen liegt, dass sie auch mit einem Arbeitsfeld, das bestimmte Zeitstruktur und Abfolge verlangt, gut zurechtkommen, und dass ihnen die Sinnhaftigkeit dieser Tätigkeit wichtig ist. Für diesen Weg gibt es klar geregelte Einstiegsmöglichkeiten in Form von Pflegehelferqualifikationen, die je nach Bundesland verschieden bezeichnet werden (Pflegehelferin, Pflegeassistenz, Krankenpflegehilfe usw.).

Die Ausbildungsdauer beträgt in der Regel zwischen einem und zwei Jahren und ist meist mit Praxisphasen in Pflegeeinrichtungen, in stationären Einrichtungen (Krankenhäusern) oder in der ambulanten Versorgung (Hausbesuchsdienste) verbunden. Prüfkriterien richten sich nach den landesrechtlichen Vorgaben und beinhalten sowohl schriftliche als auch praktische Anteile. Wer diesen Schritt in Erwägung zieht, sollte auf anerkannte Träger, transparente Curricula und geregelte Praxisbegleitung achten.

Am Ende bleibt: Gute Vorbereitung, ehrliche Selbsteinschätzung und der Mut, rechtzeitig Hilfe zu suchen, sind in der häuslichen Pflege wichtiger als das Auswendiglernen einzelner Handgriffe. Wer seine Grenzen kennt und weiß, wann und wie fachliche Hilfe notwendig ist, wird sich selbst entlasten und damit auch die Pflegeverhältnisse des pflegebedürftigen Menschen spürbar verbessern.